Ludwig van Beethoven:

3. Messe C-Dur für vier Solostimmen, Chor und Orchester Opus 86

a) allgemeine Einführung

Kirchenmusik zu schreiben, zählte zu den selbstverständlichen Aufgaben eines Komponisten. Mozart komponierte sein Leben lang für die Kirche, allein sechzehn vollständige Messen, sieben Oratorien und dreißig Litaneien, Vespern oder Vesperpsalmen und schließlich das unvollendet gebliebene Requiem. Haydn schrieb mehr als drei Dutzend geistliche Werke, darunter vierzehn Messen, vier Oratorien und das Stabat Mater. Beethoven brach mit der Tradition, obgleich er einst in Bonn den Kirchendienst als Organist versehen und im Rahmen seiner Kontrapunktstudien liturgische Texte vertont hatte.

 

Nur drei Werke sind zu nennen: Das 1803 begonnene Oratorium Christus am Ölberge Op. 85 war im 19. Jahrhundert bekannt, wird jedoch heute selten aufgeführt. Die C-Dur-Messe Op. 86 entstand 1807 als Auftragswerk des einstigen Dienstherrn von Joseph Haydn, Fürst Nikolaus Esterházy. Schließlich komponierte Beethoven ab 1819 aus Anlaß der Inthronisierung seines Förderers und Schülers Erzherzog Rudolph von Habsburg zum Erzbischof von Ölmütz die Missa solemnis Op. 123. Sie wurde erst Jahre später fertig und erlebte ihre Erstaufführung im April 1824 in St. Petersburg – nicht in einer Kirche sondern im Rahmen eines Konzerts der dortigen Philharmonischen Gesellschaft. Diese drei geistlichen Werke sind ganz anders als vorausgegangene Kompositionen.

 

Über die C-Dur-Messe schrieb Beethoven im Juni 1808 an seinen Verleger Breitkopf & Härtel: "Von meiner Meße wie überhaupt von mir selbst sage ich nicht gerne etwas, jedoch glaube ich, daß ich den text behandelt habe, wie er noch wenig behandelt worden, auch wurde sie an Mehreren Orten, unter anderm auch bey Fürst Esterhazi auf den NamensTag der Fürstin mit vielem Beyfall gegeben in Eisenstadt, — ich bin überzeugt, daß die Partitur und selbst KlawierAuszug ihnen gewiß einträglich seyn wird".

 

Fürst Esterházy reagierte durchaus nicht mit Beifall auf das neue Werk und bemerkte nach der Aufführung: "aber lieber Beethoven, was haben Sie denn da wieder gemacht". Deutlicher wurde der Auftraggeber in einem privaten französischen Brief, in dem er die C-Dur-Messe als unerträglich lächerlich und abscheulich ("insupportablement ridicule et detestable") bezeichnete und seiner Verärgerung und Enttäuschung Luft machte ("j'en suis colère et honteux"). Immerhin hatte Joseph Haydn sechs Jahr lang jeweils eine neue Meßkomposition zum Namenstag der Fürstin geschrieben und galt als Maßstab.

Beethovens Opus 86, sein erstes Werk für den gottesdienstlichen Gebrauch, hatte völlig andere Dimensionen und stand in einer neuen, vom Geist der Aufklärung geprägten Zeit. Es ging darum, den Text musikalisch auszudeuten und so dem Zuhörer nahe zu bringen. Beethoven folgte dem, was schon im Januar 1785 in den Bonner "Beiträgen zur Ausbreitung Nützlicher Kenntnisse" unter dem Titel "Wie muß die Kirchen=Musik beschaffen seyn wenn sie zur Andacht erheben soll?" gefordert worden war: "Im Betreff der Worte, soll ein Komponist sich bemühen den moralischen Inhalt derselben genau zu prüfen, ehe er dieselbe denen Noten unterlegt".

 

Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, wenn Beethoven selbst vorschlug, als Alternative zum lateinischen Messetext eine deutsche Textunterlegung beizufügen und das neue Werk somit in die Tradition der deutschen Singmessen zu stellen. In der Tat erschien die C-Dur-Messe im Erstdruck 1812 bei Breitkopf & Härtel in Leipzig unter folgendem Titel: "MESSA a quattro Voci coll'accompagnamento dell'Orchestra composta da Luigi van Beethoven. DREY HYMNEN für vier Singstimmen mit Begleitung des Orchesters, in Musik gesetzt und S.=r Durchlaucht dem Herrn Fürsten von Kinsky zugeeignet von Ludw. v. Beethoven. 86=s Werk". Den deutschen Text hatte als Freund des Verlegers der Theologe Christian Schreiber (1781-1857) beigesteuert. Durch Zusammenfassung von Kyrie und Gloria (=Erster Hymnus), Credo (=Zweiter Hymnus), sowie Sanctus-Benedictus und Agnus Dei (=Dritter Hymnus) wurde der liturgische Bezug aufgelöst. Gleichzeitig war damit die Voraussetzung gegeben, das Werk in Konzertsälen und protestantischen Kirchen aufzuführen. Diese deutsche Fassung blieb kein Einzelfall. Es existiert eine zweite Übertragung von Benedict Scholz, über die Beethoven am 7. Mai 1825 an den Mainzer Verleger Schott begeistert schrieb: "Es hat jemand zu meiner Meße in C einen vortrefflichen deutschen Text gemacht, ganz anders als den Leipziger, wollten sie wohl selbe mit dem neuen Texte neu auflegen". Die Sache war Beethoven offenbar wichtig, und er setzte sich intensiv mit der Sinn und Bedeutung der Worte, auch des lateinischen Textes, auseinander. Diese Haltung ist hörbar und macht die Messe Opus 86 zu einem modernen Stück Weltanschauungsmusik.

 

 

Notentext und Quellenlage

Im Rahmen der vom Beethoven-Archiv herausgegebenen wissenschaftlich-kritischen Beethoven-Gesamtausgabe liegt seit 2003 der Band mit der Messe Opus 86 vor. Notentext und umfangreicher kritischer Bericht wurden von Jeremiah W. McGrann erarbeitet und sind im G. Henle Verlag (München) erschienen.

 

Die wichtigsten der heute erhaltenen Quellen:

 

Quelle A: Autograph, Partitur (Beethovens Handschrift ist unvollständig!):

Bonn Beethoven-Haus

(vollendet vor dem 20. August 1807)

 

Quelle B: überprüfte Kopistenabschrift, Partitur:

Eisenstadt. Fürstlich Esterházysche Sammlungen, Musikarchiv

(vollendet vor dem 13. September 1807)

 

Quelle C: überprüfte Kopistenabschrift, Uraufführungstimmen:

1. Eisenstadt, Fürstlich Esterházysche Sammlungen, Musikarchiv

2. Budapest, Országos Széchényi Könyvtár

(vollendet vor dem 13. September 1807)

 

Quelle D: Originalausgabe, Partitur:

Leipzig, Breitkopf & Härtel

(um den 15. Mai 1812 wurde ein Korrekturabzug an Beethoven gesandt, korrigiert und zurückgeschickt; September/Oktober 1812 ist die gedruckte Partitur erschienen)

 

 

Im Internet unter www-beethoven-haus-bonn.de sind im digitalen Archiv das Autograph, die Originalausgabe und weitere Dokumente (Skizzen, Briefe, etc.) einzusehen; darüber hinaus finden Sie dort Erläuterungen zum Werk und seiner Entstehungsgeschichte!

 

Beate Angelika Kraus

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